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Erinnerungskultur - EKBO. Foto: Pixabay.

Erinnerungskultur - EKBO. Foto: Pixabay.

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Das Geheimnis der Erlösung kommt aus der Erinnerung

 

So hat es  Richard v. Weizsäcker  - unter Aufnahme einer chassidischen Weisheit -  in seiner berühmten Rede 1985 vor dem Bundestag anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes gesagt. Er meinte das Erinnern an die Opfer und an die Schuld als Voraussetzung für Versöhnung.

Ohne Erinnerung geht es nicht

Erinnerungen bestimmen mit, wer wir sind. Sie sind bedeutsam für unser Handeln und unsere Entscheidungen in der Gegenwart. Ohne Erinnerung können wir unsere Gegenwart nicht verstehen und verfehlen unsere Zukunft. Individuelles und kollektives Erinnern stiftet also Identität und gibt  Orientierung.  Ein Staat, der seine Geschichte vergisst oder verdrängt, beraubt sich seiner Erfahrungen, um richtige Entscheidungen für die Gegenwart zu treffen.

Aus persönlicher Erfahrung wissen wir, wie wichtig das Gedächtnis ist: Ohne Erinnerung, ohne das Zurückgreifen-Können auf eigene oder gemeinsame Geschichte, verliert ein Mensch seine Individualität und ist nicht lebensfähig.

Auch der Glaube lebt aus der Erinnerung: Vergegenwärtigendes Erinnern ist fester Bestandteil der jüdischen und christlichen Religion. So erinnern sich jüdische Menschen zum Pessachfest an die Befreiung aus Ägypten, als wären sie selbst dabei gewesen. Ähnliches geschieht wenn Christen Abendmahl feiern. Die Kirche ist eine Erinnerungsgemeinschaft, jeder Gottesdienst ist eine Erinnerung an Gottes Willen. Indem Menschen sich Gottes Worte und Taten vergegenwärtigen, können sie sich die Erfahrungen mit Gott aneignen, die frühere Generationen gemacht haben und sie mit der eigenen Situation verknüpfen. Grundlage dafür ist das Versprechen Gottes, seine Schöpfung nicht zu vergessen, sich an den Menschen zu erinnern im Sinne seiner Zuwendung.

Erinnern als Auftrag der Kirche 

Die Erinnerungskultur unserer Kirche hat die Aufgabe, gegen das allgemeine Vergessen zu wirken. Sie erinnert an mörderische Systeme und Unrecht, das Menschen begangen haben. Auch an die eigene Verstrickung, ihr Schweigen oder Mitmachen und damit an die Schuld, die sie in der Vergangenheit häufig auf sich geladen hat. Sie erinnert an die Opfer, um ihr Andenken zu wahren. Auch an die, die ihre Stimme erhoben haben gegen Gewalttaten und Unmenschlichkeit, die aus christlichem Gewissen heraus versuchten, Widerstand zu leisten und dafür häufig mit dem eigenen Leben bezahlen mussten. 

Die Gedenk- und Erinnerungsarbeit der Kirche richtete sich  v.a. die Zeit der Nazidiktatur und die Situation von Kirche und Christen in der DDR. Die EKBO erinnert darüber hinaus aus aktuellem Anlass oder zu Jubiläen an bestimmte Menschen, Daten oder Ereignisse, aus denen Menschen für ihre Gegenwart lernen können.

Erinnerungsorte 

Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg verfügt über eine Reihe von erinnerungswürdigen Orten in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus und die Zeit der DDR, die sie in unterschiedlicher  Weise nutzt , manches  ist konzeptionell noch in der Entwicklung. Es gilt, den Wert bestimmter Erinnerungsorte zu erkennen und als Lernorte zu fördern..

Die Erinnerungskultur in Bezug auf den Nationalsozialismus befindet sich – nicht nur in der Kirche – im Wandel: Die Zeitzeugen, die ihre Erfahrungen direkt weitergeben können, werden immer weniger. Durch  die mit den Zeitzeugen aussterbende lebendige Erinnerung und die entstehende Distanz verändert sich so die Qualität von Erinnerung.

 Demgegenüber können Orte und Räume, selbst wenn an ihnen keine persönliche Erinnerung haftet, durch ihren Symbolgehalt Erinnerung lebendig halten. „Orte bewahren  ihr Geheimnis, können, übersetzt durch menschliche Anleitung, eine Geschichte erzählen. Hier wird Geschichte vorstellbar und  – im wahrsten Sinne des Wortes – begreifbar.

Der Begriff „Erinnerungsort“ wird in der neuen Geschichtsforschung als Metapher für Fixpunkte in der Vergangenheit gebraucht, auf die sich das kulturelle Gedächtnis richtet, symbolische Figuren. Erinnerungsorte können  materielle wie immateriell sein, zu ihnen gehören etwa reale wie mystische Gestalten und Ereignisse, Gebäude und Denkmäler, Institutionen und Begriffe, Bücher und Kunstwerke.

So betrachtet können auch z.B. Personen kirchlichen Widerstands wie Dietrich Bonhoeffer im In- und Ausland ein solcher „Erinnerungsort“ sein.

Bildungsangebote

Die Gedenk- und Erinnerungsarbeit unserer Kirche umfasst eine Reihe von Bildungsangeboten sowohl an kirchlichen Erinnerungsorten als auch an staatlichen Gedenkstätten, die in Kooperation mit unserer Kirche entstanden sind und sich an Jugendliche wie Erwachsene richten. Sie thematisieren v.a.  Anpassung und Widerstand im 3. Reich und die Situation von Kirche und Christen in der DDR. An einigen kirchlichen Gedenkorten gibt es dazu  - bezogen auf den historischen Ort -  ständige Lernprogramme mit (interaktiven) Führungen, und Seminarmodulen, wissenschaftliche Vorträge z.B. bezogen auf Gedenkjubiläen, aber auch spirituelle Angebote wie Andachten, Gottesdienste und Lesungen. Diese Bildungsangebote zielen darauf, Orientierung für christliches Denken und Handeln in der Gegenwart zu geben, also die Erkenntnisse der Geschichte auf die heutige Zeit und Situation der Lernenden zu übertragen, ohne die historischen Unterschiede zu verwischen. Dieses ganzheitliche Lernen will  z.B. – ausgehend von kirchlichem Widerstand – anregen, darüber nachzudenken, was es heute heißt,  als Christ widerständig zu leben.

Die ständigen Lernangebote an kirchlichen Erinnerungsorten werden sowohl von kirchenbezogenen Erwachsenengruppen,  aber auch von Konfirmandengruppen und Schulklassen als außerschulisches Lernen am authentischen Ort zunehmend nachgefragt. Hier ergibt sich im schulischen Kontext die Chance eines fächer-übergreifenden Lernens. Das gleiche gilt für die Teilnahme am ständigen Bildungsangebot zum  Thema „Kirche im Nationalsozialismus“, wie es – entstanden durch die Kooperation mit der EKBO - in thematisch verschiedenen Seminaren, kostenfrei buchbar,  in der Stiftung Topographie des Terrors angeboten wird. Durch dieses Seminarangebot werden auch Menschen erreicht, die keinen direkten Bezug zur Kirche haben. Seit kurzem gibt es auch in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ein Seminarformat „Kirche in der DDR“.

Im Oktober 2015 beginnt eine Langzeitausbildung für pädagogisch Mitarbeitende an kirchlichen Gedenk-, Erinnerungs- und Lernorten: „Erinnern, lernen, handeln. Kirchliche Gedenkorte erfahrbar machen“. Sie soll Interessierte historisch, theologisch und pädagogisch qualifizieren, um mit Einzelbesuchern und Gruppen unterschiedlichen Alters an kirchlichen Gedenkorten zu arbeiten.

Organisation

Die kirchlichen Gedenkorte in Berlin sind seit 2009 zu einem Beirat „Lernen an kirchlichen Erinnerungsorten 1933-1945. 1989“ zusammengeschlossen. In ihm sind vertreten: die Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus, der Erinnerungsort Martin-Niemöller-Haus (Dahlem), das Ökumenische Gedenkzentrum Plötzensee, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die Martin-Luther-Gedächtniskirche (Tempelhof), die Gedenkstätte für NS-Zwangsarbeiter aus dem kirchlichen Friedhofslager Berlin-Neukölln, die Initiative Stolpersteine der Kirchenkreise Steglitz und Teltow-Zehlendorf, die Gedenkstätte Berliner Mauer (Bernauer Straße), die Zionskirche (Prenzlauer Berg). Der Beirat wird geleitet von Generalsuperintendentin  des Sprengels Berlin,Ulrike Trautwein,  die das Aufgabenfeld „Erinnerungskultur“ für die gesamte Landeskirche leitet. Mit der Absicht, die evangelische Erinnerungskultur zu stärken und auszubauen , wurde außerdem 2014 in der EKBO die Stelle einer „Beauftragten für Erinnerungskultur“ – zunächst auf drei Jahre befristet – eingerichtet, die die pädagogische Arbeit der kirchlichen Erinnerungsorte koordinieren und die Zusammenarbeit mit den staatlichen Gedenkstätten fördern soll. Begleitend wurde 2015 ein wissenschaftlicher Beirat durch die Kirchenleitung berufen, der ein Konzept für die Erinnerungskultur unserer Landeskirche erarbeiten soll.